Was ist Achtsamkeit?
Achtsamkeit ist in aller Munde. Das heißt, man wird mit dem Wort konfrontiert, ob man es will oder nicht. Dabei kann es zu Missinterpretationen kommen, weil der Mainstream teilweise fahrlässig mit dem Wort umgeht, ohne zu wissen, was damit eigentlich gemeint ist und woher es stammt. Deswegen ist es wichtig, sich dem Thema zuzuwenden und klar zu beleuchten, was es in seiner Essenz aussagt. Wie hat dieser Trend in die Gesellschaft gefunden und wo nimmt er seinen Ursprung? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, starten wir unsere kleine Entdeckungsreise vor ein paar Jahrtausenden im alten Indien, wo ursprünglich die Wiege des modernen Yoga liegt.
Was ist Yoga eigentlich? Aus dem indischen übersetzt, bedeutet Yoga „Einheit" oder „Einklang“. Aber "Einheit" von was? Kurz: Die "Einheit" allen Lebens. Yoga leitet sich (laut meiner Quelle) von der Wortwurzel "yuj" ab, was soviel wie anbinden oder vereinen bedeutet (wie zum Beispiel einen Ochsen an einen Karren anschirren). Yoga ist laut den Überlieferungen ein ganzheitlicher Weg der Bewusstseinsentfaltung, der zur Befreiung (altindisch=Mukti) vom Kreislauf der Wiedergeburt (altindisch=Samsara) führt. Wir betrachten Yoga an dieser Stelle genauer, weil die Achtsamkeitspraxis, wie sie heutzutage verfügbar ist, daraus entspringt und auch gleichzeitig durch Weiterentwicklung übersteigt.
Seit den frühen Anfängen in Asien haben sich unzählige Yoga Richtungen entwickelt, welche in ihren Techniken und Ausführungen verschiedene Schwerpunkte setzen. Diese vielen Wege können einen kulturfremden, modernen Betrachter in die Irre führen, wenn dieser übersieht, dass das grundlegende "Ziel" (Moksha) immer dasselbe ist. Im Strudel der Informationen verloren, sieht man das ganze Bild nicht mehr. Es ist leicht, sich in einer Medienlandschaft voller gegensätzlicher Informationen zu verrennen.
Die bare Achtsamkeitspraxis geht auf Siddharta Gotama, dem historischen Buddha (ca. zwischen 563 und 483 v. Chr.), zurück. Er erkannte, als fastender Asket im Wald lebend, dass Kasteiung und Yoga-Übungen nicht Befreiung an und für sich sind. Das Leiden verfolgte ihn noch nach Jahren der Vertiefung und enthaltsamen Strebens. An diesem Punkt angekommen, ließ er von der Kasteiung los und widmete sich nach einer Neuausrichtung der Betrachtung seiner menschlichen Natur. Kurze Zeit darauf widerfuhr ihm eine tiefe Verwandlung, die ihm seinen späteren Ehrentitel „Buddha“ (der Erwachte) einbrachte.
Zahlreiche Glaubenssysteme entwickelten sich und fanden nicht zuletzt durch Handelswege, Mönchsrouten und Kolonialstraßen in den folgenden Jahrhunderten Verbreitung. Einige Meilensteine: Patanjali schrieb ca. 200 n.Chr. die Yoga-Sutras, ein sehr bekanntes Grundlagenwerk für Praktizierende. Außerdem: Buddhistische Meditationen verbreiten sich über die Seidenstraße. Aus indischem Dhyana (Meditation) wird chinesisches Chán, dann japanisches Zen. Der erste chinesische Zen Patriarch, und der indische 28. Nachfolger Buddhas, war laut der Überlieferungen Bodhidharma (ca. 5.-6. Jahrhundert), was ihn natürlich zu einer sehr bedeutenden historischen Figur machte. 1600-1800: Jesuitenmissionare in Indien berichten fasziniert, gleichzeitig irritiert, von Yogis. Erste Sanskritübersetzungen erscheinen daraufhin in Europa, scheinbar noch als Kuriosität.
Eine der herausragendsten Brücken zwischen Ost und West kam 1893, in Chicago, zustande. Beim Weltparlament der Religionen betrat Swami Vivekananda die Bühne — und mit ihm die yogische Philosophie, erstmals vor einem großen westlichen Publikum. Die Wirkung war nachhaltig. Theosophen und neugierige Gelehrte begannen, buddhistische und hinduistische Schriften nicht mehr nur als eigenartige Texte zu betrachten, sondern ernsthaft zu studieren (Arthur Schoppenhauer fühlte sich bereits, um 1813 herum, von den alt-indischen Schriften inspiriert und nannte sie "die tröstlichste Lektüre der Welt").
Um die 1960er- und 70er Jahre breiteten sich weiterhin verschiedene Formen der Meditation im Westen aus. Maharishi Mahesh Yogi machte Transzendentale Meditation einer breiten Masse von Menschen zugänglich und hatte berühmte Stars (wie die Beatles) als Schüler. 1987 wurde außerdem das Mind & Life Institute gegründet, in dem ein Dialog zwischen dem Dalai Lama, einem westlichen Neurowissenschaftler, als auch einem Unternehmer, entstand. Dieses Vorhaben vereinte östliche Kontemplation und die westliche Wissenschaft. Daneben gab es auch Osho, einen kontroversen, jedoch charismatischen Lehrer, aus Indien. Er verband westliche Psychologie mit östlicher Weisheit, beziehungsweise Meditation.
Ost und West tauschten weiterhin fleißig Interesse aus und einige Amerikaner, die später sehr bekannt sein würden, vertieften in den folgenden Jahren ihr Wissen.
Um das Jahr 2000 herum kam zudem ein größer werdendes Medien-Interesse dazu, außerdem weitere wissenschaftliche Berichte über messbare Veränderungen, die während der Meditation im Gehirn geschehen. Achtsamkeit, nicht länger in der Esoterik Ecke verortet, hielt infolgedessen Einzug in Unternehmen, wie zum Beispiel Google und Sportteams. Die positiven Effekte waren nun messbar und die Praxis blieb nicht länger, scherzhaft gesagt, nur friedliebenden Hippies oder enthaltsamen Mönchen vorbehalten.
Ein paar der einflussreichsten, westlichen Lehrer der buddhistisch inspirierten Achtsamkeitspraxis sind heutzutage Jon Kabat-Zinn (MBSR) und Jack Kornfield. Kabat-Zinns Übersetzung der östlichen Achtsamkeitslehre für Westler war ein großer Türöffner für die Salonfähigkeit der Praxis. Neben diesen „Pionieren“ gibt es zudem zahlreiche Unterrichtende, die sich auf die Prinzipien der Achtsamkeit stützen und sowohl hinduistischen Yogatraditionen, als auch buddhistischen entspringen.
So ist Achtsamkeit zu einem Phänomen des Mainstreams geworden, mit dem es sich auseinanderzusetzen gilt. Im besten Falle liest man aufklärende Bücher von renommierten Achtsamkeitslehrern, wie zum Beispiel dem Zen Mönch Thích Nhất Hạnh (es gibt Leseempfehlungen unter dem Reiter "Mehr"). Oder man spricht mit jemandem darüber, der sich die Zeit genommen hat, sich in der Kraft der Gegenwärtigkeit zu verankern und in die Tiefe getaucht ist, die aus einer achtsamkeitsbasierten Praxis entsteht. Ideal ist eine einführende Teilnahme an einem Kurs, bei einem Lehrer deines Vertrauens. So kannst du aus erster Hand erfahren, was Achtsamkeit bedeutet und wie sie praktische Anwendung in deinem Alltag findet.
Abschließend lässt sich sagen: Achtsamkeit ist kein rein buddhistisches Phänomen. Die Kraft der Präsenz, oder Aufmerksamkeit, gilt in etlichen Glaubensrichtungen als sehr wertvoll, da sie der inneren Ausrichtung und dem Gebet dient. Achtsamkeit ist universell und kann deswegen, unabhängig vom Kontext des Glaubens des/der Praktizierenden, geschult werden. Vipassana (Einsichtsmeditation) ist zwar eine buddhistische Meditationsform und der tiefere Sinn der Achtsamkeitspraxis. Doch auch hier lässt sich feststellen, dass Einsicht erst durch einen gewissen Grad der Sammlung der Achtsamkeit hervortritt, welche, wie bereits erwähnt, universell ist. Auch Einsicht ist somit nichts ausschließlich buddhistisches und kann spontan von jedem erfahren werden, dessen Nervensystem in einen günstigen, ruhigen Zustand versetzt ist, was eine Sammlung des Geistes erlaubt.
Eine mögliche Definition lautet: Achtsamkeit ist die Möglichkeit des Bewusstseins, frei und ohne Urteil (oder Widerstand), im gegenwärtigen Moment zu verweilen.